Angst vor KI überwinden — und der Moment, in dem mir klar wurde, wie weit wir in der Bubble sind

Angst vor KI überwinden — das war nicht das Thema des Termins. Aber irgendwie wurde es das.

Ein Kollege hat mich letzte Woche zu einem Termin mitgenommen. Eine Gruppe Menschen, die über eine Kooperation mit dem Arbeitsmarkt zu uns gekommen sind. Menschen, die viele Bewerbungen schreiben. Die wenige oder gar keine Antworten bekommen. Die sich schwertun — manche, weil Deutsch nicht ihre erste Sprache ist, manche, weil die Bewerbung einfach nicht rund ist, manche, weil sie schlicht nicht wissen, wie das heute alles funktioniert.

Und dann fiel das Thema KI.

Die Reaktion hat mich ehrlich gesagt überrascht. Nicht, weil ich keine Ahnung hatte, dass da Skepsis herrscht. Aber wie weit weg das alles von meiner eigenen Realität ist — das hat mich dann doch getroffen.

Wir reden aneinander vorbei

In meiner Welt ist KI Alltag. Ich nutze sie täglich: Anforderungserhebung, Code-Reviews, Texte, Planung. Meine Frau Sarah hat auch angefangen damit — ein bisschen zögerlich noch, aber sie nutzt es. Bei uns ist KI längst kein Thema mehr, das man groß erklären muss.

Und dann sitzt du da, mit Menschen, die noch nie ChatGPT aufgemacht haben. Die KI kennen als Schlagzeile, als Bedrohung, als das Ding, das irgendwann kommt und alles verändert.

Das Ding ist aber: es ist schon da.

Was mich wirklich nachdenklich gemacht hat — wir ITler denken über Dinge nach wie: Welches Modell ist besser? Wie prompted man richtig? Welche Aufgaben delegiere ich an KI, welche nicht? Das sind unsere Probleme. Und das ist natürlich meilenweit entfernt von jemandem, der sich fragt: „Werde ich beim nächsten Bewerbungsgespräch überhaupt noch von einem Menschen gelesen?“

Der Akkuschrauber

Ich habe versucht, das runterzubrechen. Mein Standardvergleich für solche Momente: der Akkuschrauber.

Kein Handwerker dreht heute tausend Schrauben von Hand. Jeder greift zum Akkuschrauber. Nicht weil er muss, sondern weil es einfach sinnvoll ist. Und trotzdem hat nicht der Akkuschrauber das Haus gebaut — der Handwerker hat es gebaut. Das Werkzeug hat ihm nur geholfen.

AI ist nur ein Werkzeug

KI ist nichts anderes. Ein Werkzeug. Kein Teufelswerkzeug, kein Jobkiller, kein Alleskönner. Ein Werkzeug, das man einsetzen kann — oder auch nicht. Aber wer es nicht einsetzt, macht es sich unnötig schwer.

Das gilt übrigens nicht nur für ITler.

Die Sache mit dem Bewerbungsscreening

Ein Punkt, der in der Runde aufkam, hat mich nicht losgelassen. Wenn KI schon heute Bewerbungen voraussortiert — und das tut sie in vielen Unternehmen bereits — dann sind Menschen, deren Bewerbung nicht passt, raus. Ohne dass ein Mensch draufgeschaut hat. Ohne zweite Chance.

Das ist hart. Ich will das nicht schönreden.

Aber die Konsequenz daraus ist nicht, KI abzulehnen. Die Konsequenz ist, das Spiel zu verstehen und mitzuspielen. Keine generische Bewerbung an hundert Unternehmen schicken. Sich mit der Stelle beschäftigen. Die eigene Bewerbung prüfen lassen — von KI, von Freunden, von wem auch immer. Und dann nochmal prüfen.

Lass dir deine Bewerbung von ChatGPT durchlesen. Dann von Gemini. Schau, was beide sagen. Und dann entscheide selbst, was davon zu dir passt — denn wenn eine KI plötzlich hochgestochenes Kanzleideutsch aus dir macht, du aber eigentlich bodenständiger Handwerker bist, dann klingt das nicht nach dir. Und das hilft niemandem.

Wie fängt man an?

Das war die praktischste Frage des Abends, und sie verdient eine praktische Antwort:

Nutz AI und DU verliest die Angst

Schritt 1: Öffne chat.openai.com oder gemini.google.com. Schreib rein, was dich beschäftigt. Stell eine Frage. Schau, was passiert. Kein Tutorial, kein Kurs — einfach machen.

Schritt 2: Nimm ein konkretes Problem, das dir gerade im Kopf rumgeht — deine Bewerbung, ein Anschreiben, eine schwierige E-Mail. Und unterhalte dich mit der KI darüber wie mit einem Freund. Nicht als Suchmaschine, sondern als Gesprächspartner.

Schritt 3: Gib der KI eine Rolle. Sag ihr: „Du bist HR-Mitarbeiter bei Firma X. Hier ist meine Bewerbung. Was würdest du daran bemängeln?“ Du wirst überrascht sein, wie anders die Antwort wird — und wie viel konkreter.

Die Angst vor KI verliert man nicht durch Nachdenken. Man verliert sie durch Benutzen.

Ein Tipp noch — für alle, die gerade bei null anfangen

Der KI-Podcast der ARD hat vor Kurzem eine Folge rausgebracht zum Thema: Wie fange ich 2026 mit KI an? Ist es zu spät? Was mache ich zuerst? Wirklich empfehlenswert — kein Tech-Insider-Geraune, sondern ehrlich für Einsteiger gemacht.

Was ich mitgenommen habe

Ich sehe mich nicht als KI-Missionar. Das ist nicht mein Ding.

Aber dieser Termin hat mir gezeigt, dass wir in der IT sehr schnell vergessen, wie weit wir von der Realität anderer Menschen entfernt sind. Wir diskutieren über Kontextfenster und Modellvergleiche, während andere noch nicht mal wissen, dass man KI kostenlos nutzen kann.

Das ist keine Kritik an irgendjemandem — das ist einfach so. Aber ab und zu aus der eigenen Bubble rausgucken und sich fragen: Was beschäftigt eigentlich die Menschen, die nicht täglich mit diesem Thema arbeiten? Das tut gut. Mir jedenfalls.

Und das Schönste daran: Was heute noch nicht funktioniert, funktioniert in einem halben Jahr. Ich hab das selbst erlebt — spielmit.eu hätte ich vor einem Jahr mit KI nicht so bauen können wie Anfang dieses Jahres. Die Entwicklung geht schneller als jeder Kurs hinterherkommt.

Also: Gebt KI eine Chance. Probiert Dinge nochmal aus, die vor einem Jahr nicht geklappt haben. Und verliert die Angst — nicht durch Reden darüber, sondern durch Machen.

This article was written by Thomas Schiffler

Ich bin Thomas Schiffler – Softwareentwickler, Technikbegeisterter und Co-Gründer von assistent.ai. In meiner Freizeit beschäftige ich mich mit Smart-Home-Automatisierung, Raspberry Pi-Projekten, KI-Anwendungen und allem, was den Alltag smarter macht. Auf schiffler.eu teile ich meine Erfahrungen, Ideen und technische Experimente aus meinem privaten und beruflichen Umfeld.

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