Wieder so eine Mail: „Deine Google Bewertung wurde gelöscht.“ Angeblich hätte ich diffamiert, unwahre Behauptungen aufgestellt, gegen die Richtlinien verstoßen. Was genau, bleibt offen. Ich habe Widerspruch eingelegt. Passiert ist nichts, die Bewertung blieb gelöscht. Das war der Punkt, an dem ich für mich entschieden habe: Ich schreibe keine Google Rezensionen mehr. Auch keine guten.
Und das schreibe ich nicht als jemand, der einmal sauer war und jetzt trotzig ist. Ich bin nämlich, glaube ich, ein ziemlich fleißiger Bewerter.
357 Bewertungen, über 1.450 Bilder
Kurz zur Einordnung, damit klar ist, dass ich hier nicht aus der Kaffeepause heraus meckere. Ich habe aktuell 357 Rezensionen geschrieben, mit über 1.450 Bildern. Restaurants, Handwerker, der kleine Laden um die Ecke, Ausflugsziele. Das läuft bei mir seit Jahren so.
Ich mache das gerne. Ehrlich gesagt finde ich die Idee hinter Google Bewertungen richtig gut: Menschen teilen ihre echten Erfahrungen, damit andere eine bessere Entscheidung treffen können. Ein kleiner gesellschaftlicher Deal, bei dem jeder ein bisschen was reingibt und am Ende alle profitieren. Genau deshalb habe ich mitgemacht.
Wie ich bewerte

Meine Regel war immer simpel: Ich bewerte nur, was ich selbst erlebt habe. Keine Vom-Hörensagen-Rezensionen, keine Rachefeldzüge, keine Kumpel-Gefälligkeiten.
Höflich, aber direkt. Was gut war, sage ich. Was nicht gut lief, sage ich auch. War das Essen top, der Service aber eine Katastrophe, dann steht eben beides drin. Genau das ist doch der ganze Sinn der Sache. Eine Bewertung, die nur strahlt, hilft niemandem. Eine, die nur draufhaut, aber auch nicht.
Und dann kommt die Löschmail
Das Muster ist jedes Mal gleich. Ich schreibe eine ehrliche, sachliche Bewertung, inklusive der Dinge, die nicht gut liefen. Ein paar Tage oder Wochen später kommt die Mail von Google. Bewertung entfernt. Begründung: diffamierend, unwahr, Richtlinienverstoß. Irgendwas aus dem Baukasten.
Nur war da nichts diffamierend. Es war meine Erfahrung, sachlich beschrieben. Nichts erfunden, niemanden beleidigt, keine Behauptung, die ich nicht selbst erlebt hätte.
Und der Widerspruch? Ein Klick, ein Formular, und dann passiert genau nichts. Es bleibt beim Löschen. Keine echte Prüfung, kein Mensch, mit dem man reden kann, keine Begründung, die den Namen verdient. Man widerspricht gegen eine Wand.
Das eigentliche Problem: Es trifft nur die kritischen
Und jetzt kommt der Teil, der mich wirklich stört. Es sind nie die positiven Bewertungen, die verschwinden. Es sind die kritischen.
Denk das mal zu Ende. Wenn systematisch die kritischen Stimmen rausfliegen und die lobenden stehen bleiben, dann entsteht ein schiefes Bild. Ein Laden mit 4,8 Sternen ist dann vielleicht gar kein 4,8-Sterne-Laden. Sondern einer, bei dem die schlechten Erfahrungen einfach weggeräumt wurden.

Der Verdacht liegt nahe: Betroffene Unternehmen melden unbequeme Bewertungen, und im Zweifel löscht Google lieber, als sich Ärger zu machen. Ob das im Einzelfall wirklich so abläuft, kann ich nicht beweisen. Aber das Ergebnis, das bei mir ankommt, sieht exakt danach aus.
Und von der anderen Seite wird nachgeholfen
Das Ganze hat nämlich noch eine zweite Richtung. Achte mal drauf, wie oft du inzwischen aktiv um eine Bewertung gebeten wirst. Der Kellner, der beim Zahlen freundlich auf den QR-Code auf dem Tisch zeigt. Der Aufkleber an der Kasse: „Bewerte uns mit 5 Sternen.“ Die Mail nach dem Kauf. Der Handwerker, der zum Schluss sagt: „Wenn Sie zufrieden waren, würde uns eine Google-Bewertung riesig helfen.“
Ich verstehe das ja. Für einen kleinen Betrieb sind gute Bewertungen bares Geld, und wer nicht fragt, kriegt oft gar keine. Daran ist erstmal nichts Verwerfliches.
Aber schau, was in Summe dabei passiert. Gefragt wird fast immer nur dann, wenn der Kunde sichtbar zufrieden ist. Beim unzufriedenen Kunden zeigt komischerweise niemand auf den QR-Code. Die 5 Sterne werden nett eingesammelt, und die kritische Erfahrung soll bitte entweder gar nicht erst auftauchen oder direkt „unter uns“ geklärt werden. Manchmal gibt’s sogar ein Getränk aufs Haus dafür.
Und jetzt leg das mal über das, was ich vorhin beschrieben habe. Kritische Bewertungen werden weggelöscht, positive werden gezielt eingesammelt. Zwei Mechanismen, die in dieselbe Richtung drücken. Am Ende steht ein Sterne-Schnitt, der nach oben verzerrt ist. Nicht weil die Betriebe alle so großartig wären, sondern weil das System genau so funktioniert.
Warum ich dann auch die guten weglasse
Jetzt könnte man sagen: „Dann schreib halt nur noch positive, die bleiben ja stehen.“ Und genau da ist für mich der Haken.
Wenn ich nur noch Gutes schreiben darf, ist meine Bewertung nichts mehr wert. Fünf Sterne, die niemals durch vier oder drei relativiert werden, sind keine Information, sondern Deko. Wer sich auf so ein Profil verlässt, wird in die Irre geführt. Dazu will ich nicht beitragen.

Eine Plattform, auf der man nur loben darf, taugt nicht mehr dazu, gute Dienstleister von schlechten zu unterscheiden. Sie wird zu einem Schaufenster, in dem alles glänzt. Und ausgerechnet das, wofür man als Verbraucher eigentlich hinschaut, findet man dort nicht mehr: die Wahrheit.
Deshalb ist mein Schluss ziemlich konsequent. Wenn das ehrliche „nicht so gut“ nicht stehen bleiben darf, dann macht das ehrliche „richtig gut“ auch keinen Sinn mehr. Das eine gehört zum anderen. Also lasse ich beides.
Was ich mitgenommen habe
357 Bewertungen sind ein Haufen Arbeit, in den ehrliches Feedback geflossen ist. Für Betriebe, die ein Lob verdient hatten, genauso wie für die, bei denen andere gewarnt sein sollten. Dass am Ende ein Algorithmus, oder wer auch immer da draufschaut, entscheidet, welche Wahrheit stehen bleiben darf, nimmt dem Ganzen den Sinn.
Vielleicht ist das sogar ein größeres Thema. Wir verlassen uns bei so vielen Entscheidungen auf Sternebewertungen, beim Restaurant, beim Handwerker, beim Arzt, beim Hotel. Und ganz selbstverständlich gehen wir davon aus, dass die echt sind. Meine Erfahrung sagt: Sei da vorsichtig. Ein glattes Profil ganz ohne Kritik ist kein gutes Zeichen. Vielleicht ist es einfach nur gut aufgeräumt.
Ich schreibe weiter ehrlich über meine Erfahrungen. Nur eben hier, wo mir keiner den kritischen Satz wegmoderiert.
Die Frage die bleibt ist aber: Wo finde ich nun gute und ehrliche Restaurantbewertungen? Früher habe ich Tripadvisor genutzt, durch die Integration in Google Maps bin ich dann zu Google gewechselt. Diesen Bewertungen kann man aber nunmal so gar nicht mehr glauben. Wie siehst Du das? Auf welche Plattform vertraust Du wenn es um die Suche nach einem guten Restaurant in einer Dir fremden Stadt geht?





