Vor ein paar Tagen habe ich beim Notar unterschrieben. Meine Anteile an assistent.ai sind verkauft. Der Startup Ausstieg als Gründer ist vollzogen — ein Kapitel, das vor Jahren mit einer Idee und einer Menge Enthusiasmus begann, ist offiziell geschlossen.
Ich möchte kurz aufschreiben, wie es dazu gekommen ist — nicht weil ich das der Welt schulde, sondern weil es sich richtig anfühlt, das zu reflektieren.
Was assistent.ai ist — und was ich dazu beigetragen habe
assistent.ai ist ein KI-basierter Telefonassistent für die Gastronomie. Das System übernimmt eingehende Anrufe, wenn das Serviceteam eines Restaurants nicht erreichbar ist: nimmt Reservierungen entgegen, trägt sie direkt ins Reservierungssystem ein, beantwortet Fragen zu Öffnungszeiten, Speisekarte und Parkmöglichkeiten — und das vollständig autonom.
Gegründet haben wir das Ganze zu zweit: Jannik Oberlies und ich. Die Aufgabenteilung war von Anfang an klar: Jannik übernimmt 100 % Business, ich 100 % Technik. So ziemlich jede Zeile Code ist irgendwann mal durch meine Finger gelaufen. Wir haben eine eigene Conversational-AI-Plattform im Backend aufgebaut, ein eigenes Frontend entwickelt und eine generische Lösung konzipiert, die es ermöglicht, Restaurant-APIs in wenigen Stunden anzubinden — egal wie unterschiedlich die jeweiligen Logiken darunter auch sein mögen.

Warum ich raus bin
Ich bin ein technikverliebter Mensch. Ich mag es, neue Dinge auszuprobieren, sie zu verstehen, zu einem sauberen Produkt zu führen. Aber genau da liegt auch das Problem: Ab dem Moment, wo etwas wirklich ein Produkt ist — wo ich die Technik verstanden habe, die Frameworks kenne, die Architektur sitzt — verliert es für mich langsam seinen Reiz. Das ist keine Kritik an assistent.ai, das ist einfach, wie ich ticke.
Dazu kommt: Ein eigenes Startup neben dem Hauptberuf kostet wirklich viel Zeit. Es ist Lebenszeit. Und Lebenszeit, die ich nicht mit meiner Familie verbringe. Ich habe keine intrinsische Motivation, ein Unternehmen zu führen oder zu skalieren. Was mich antreibt, ist die Technik — das Bauen, das Lösen, das Verstehen. Nicht das Verwalten.
Und schließlich: Seit dem 1. November bin ich als Chief Product Owner bei der Syna GmbH tätig. Eine anspruchsvolle Rolle, die viel kognitive Kapazität fordert. Eine Ablenkung durch ein Startup wollte und konnte ich mir dort nicht mehr leisten.
Die Entscheidung ist also keine einzelne Entscheidung gewesen. Sie war die logische Konsequenz aus mehreren Dingen gleichzeitig.
Der Prozess
Wer glaubt, sowas passiert von heute auf morgen, irrt sich. Wir diskutieren seit über einem Jahr über meinen möglichen Ausstieg und das nicht zum ersten mal. Haben verschiedene Szenarien durchgespielt, Lösungen abgewogen. Jannik hat sich intensiv auf die Suche nach einem neuen technischen Mitgründer gemacht — Jasper war nicht der erste Kandidat, den wir in Betracht gezogen haben. Es gab eine längere Einarbeitungsphase, Aufgaben wurden verteilt, die Zusammenarbeit zwischen Jannik und Jasper wurde erprobt.
Und jetzt ist es so weit. Der Notarvertrag ist unterzeichnet.
Startup des Jahres — ein Moment, den ich nicht vergesse
Bevor ich zum Valentinstag komme, noch ein anderer Moment, der mir in Erinnerung geblieben ist.

2022 hat das Branchenmagazin falstaff PROFI assistent.ai als bestes Startup des Jahres in der Kategorie „Innovation“ ausgezeichnet. Wir haben uns im Elevator-Pitch vor einer unabhängigen Jury gegen die Konkurrenz durchgesetzt — auf der Sterne-Nacht der Gastronomie in Graz, vor echtem Fachpublikum.
Für ein kleines, junges Startup, das mit wenig Ressourcen und einem klaren Fokus gestartet ist, war das ein echter Vertrauensbeweis. Nicht nur von außen, sondern auch für uns intern: Scheinbar machen wir nicht alles falsch.
Der Valentinstag-Moment
Bevor ich zum emotionalen Teil komme, möchte ich kurz von einem Moment berichten, der mir gezeigt hat, dass das, was wir gebaut haben, wirklich funktioniert.
Es war der 15. oder 16. Februar. Ich schaue auf das Dashboard — und die Anrufzahlen sind explodiert. Ich meine: wirklich explodiert. Ein absolut vielfaches des normalen Tagesvolumens. Mein erster Gedanke: Haben wir einen Hack? Ist etwas schiefgelaufen? Irgendwas stimmt hier nicht.

In der Realität war es ganz einfach der 14. Februar. Valentinstag. Viele Menschen haben Tische reserviert, viele Restaurants hatten volle Leitungen — und das System hat es einfach weggesteckt. Kein einziger Alarm im Monitoring, keine Performance-Probleme, nichts. Die Last hat sämtliche Lasttests gesprengt, die wir je durchgeführt hatten. Und das System hat es nicht mal bemerkt.
Das war für mich der Moment, wo ich gedacht habe: Okay. Was wir da gebaut haben, ist solide. Wirklich solide.
Wehmut und Erleichterung
Natürlich ist es nicht nur Erleichterung. Ich habe viel Energie in dieses Startup gesteckt. Man baut etwas auf, kämpft mit den Herausforderungen, und irgendwann läuft es — und dann gibt man es ab.
Die letzten Tage vor der Unterzeichnung waren ehrlich gesagt auch von Zweifeln begleitet. Ist das jetzt wirklich der richtige Schritt? Bin ich sicher? Aber am Ende war die Antwort immer die gleiche: Ja. Es ist der richtige Schritt. Jetzt.
Was bleibt, ist ein gutes Gefühl: Ich habe ein Stück Software zum Leben erweckt, das in Produktion läuft, von echten Menschen genutzt wird und weiter wächst. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist genau das, was ich am Anfang wollte.
Jannik und ich
Die Zusammenarbeit mit Jannik war gut — aber natürlich nicht immer reibungslos. Wir sind unterschiedliche Menschen.
Ich bin jemand, der sagt: Funktion geht vor Perfektion. Erst verproben, dann skalieren. Lieber eine kleine, stabile Lösung als eine große, die wackelt. Jannik strebt nach der 100 %-Lösung, denkt von Anfang an größer, denkt marketingseitig weiter. Das sind legitime Unterschiede zwischen einem Techniker und einem Business-Mann — aber sie erzeugen hier und da Reibung.
Schwierig wurde es für mich persönlich, als die Grenze zwischen Business und Technik anfing zu verwischen. Als Einfluss auf technische Entscheidungen kam, wo ich ihn nicht erwartet hatte. Das war der Punkt, wo ich gemerkt habe: Meine Motivation bröckelt.
Jasper, der neue CTO
Ich habe Jasper erst beim Notar persönlich kennengelernt. Vorher kannten wir uns nur aus Remote-Sessions und einigen gemeinsamen Coding-Runden.
Mein ehrliches Urteil: Er ist noch jung in seiner Karriere aber mit Sicherheit dafür schon recht weit. Er scheint schon einen gewissen Weitblick mit zu bringen und trifft sinnvolle Entscheidungen. Auch er wird, so wie ich es auch getan habe, hier und da aus Fehlern lernen … Aber wir sind im Startup-Bereich. Das gehört dazu. Was zählt: Jannik und Jasper kommen miteinander aus, sie können zusammenarbeiten. Das ist das Wichtigste. Den Rest lernt man.
Was jetzt kommt

Ehrlich gesagt: erstmal nichts Neues. Ich beschäftige mich intensiv mit KI / LLMs / SLMs, mit Vibe Coding, mit der Frage, wie Agenten im täglichen Arbeitsalltag sinnvoll unterstützen können. Mich interessiert gerade sehr, wie sich die Rolle von Softwareentwicklern und Business-Analysten in Zukunft verändern wird — wie KI hilft, Anforderungen zu erfassen und daraus sinnvolle Lösungen zu bauen.
Aber ein neues Projekt? Noch nicht. Die Rolle bei der Syna fordert mich, meine Familie will Zeit — und die bekommt sie jetzt auch. Wer weiß, vielleicht kommt in einem Jahr wieder eine Idee. Vielleicht auch nicht. Im Moment ist das völlig in Ordnung so.
Noch da — aber anders
Verkauft heißt nicht verschwunden. Ich stehe Jannik und Jasper weiterhin zur Verfügung — als externer Coach, wenn es Fragen gibt, wenn technische Entscheidungen anstehen oder einfach mal ein zweites Paar Augen gefragt ist. Aber eben nur dann, wenn ich Zeit habe. Und nicht mehr als Inhaber, der irgendwie mitverantwortlich ist.
Wie das im Extremfall aussieht — also wenn es mal ein Produktionsproblem gibt und um 2 Uhr nachts jemand eine Idee braucht — das werden wir dann sehen. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch da eine Lösung finden. 😄
Das Kapitel assistent.ai ist abgeschlossen. Es war gut. Und jetzt ist es vorbei.


